Despina Jones und die Fälle der okkulten Bibliothek (E-Book, EPUB)

eBook - Roman
ISBN/EAN: 9783862827800
Sprache: Deutsch
Umfang: 286 S., 1.28 MB
Auflage: 1. Auflage 2020
E-Book
Format: EPUB
DRM: Digitales Wasserzeichen
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In der Bibliothek für okkulte Fälle ist Despina Jones Ermittlerin der besonderen Art: Als Nekromantin kann sie mit den Geistern Verstorbener reden. Doch auch Tote können launenhafte, eigensinnige Zeugen sein. Bei der Auflösung ihrer Fälle wird sie von einem vielseitigen Team unterstützt, das in der antiquarischen Bibliothek ihres Onkels sitzt.Ein Priester bittet das Ermittler-Team um Hilfe, als ein Leichnam in einer der ältesten Kirchen Londons entdeckt wird. Der unbekannte Mann wurde wie Christus ans Kreuz genagelt.Despina tappt im Dunkeln, da der Verstorbene sich selbst für Jesus hält und seiner Wiederauferstehung entgegenfiebert. Bald findet sich das Team in einem Strudel religiöser Denkweisen und Praktiken wieder, der es an die Pforten ihrer persönlichen Hölle bringt.
Tobias Bachmann wurde 1977 in Erlangen geboren und lebt seit 2009 mit seiner Familie in einer kleinen Ortschaft im Fränkischen Seenland. Seit 1998 veröffentlichte er weit über fünfzig Erzählungen und über zehn Romane, von denen einige mit Genrepreisen prämiert wurden.Bachmann ist Mitglied in den Autorenvereinigungen PAN und DAS SYNDIKAT.Ausführliche Informationen, unter: www.tobias-bachmann.de
Sie sah das Blut, das aus den Wunden in seinen Händen geflossen und das bereits an der Wand und auf dem weißen Altartuch eingetrocknet war. Sie bemerkte seine dehydrierten Lippen und fand einen Schwamm mit einem Strohhalm auf dem Boden unter einer der Sitzbänke.»Wie Jesus«, sagte sie. »Einzig die Wunde durch die heilige Lanze fehlt.« Sie rief sich ein Bildnis des Hauptmanns Longinus vor Augen, das so oft gemalt wurde und ihn zeigte, wie er die heilige Lanze in den Brustkorb oder die Flanke Jesu trieb, um zu überprüfen, ob er bereits tot war. Der Lanze selbst sagte man eine mächtige Wirkung nach. Dank des Blutes Christi mache sie den Träger der Lanze unsterblich, so dass bereits im Mittelalter heftige Auseinandersetzungen und Intrigen um den Besitz der Lanze ausgefochten wurden. Sie zogen sich bis ins dritte Reich, da selbst Hitler an der Reliquie interessiert war, die seit 1946 in der Schatzkammer der Wiener Hofburg verwahrt wurde, soweit Despina recht informiert war.Ihr Wissen in historischen Belangen war umfassend. Nicht, weil sie so viel las oder weil Tori regelmäßig für sie recherchierte, sondern weil die Toten ihr all die Geschichten erzählten - und sie taten es gerne, da es sonst kaum jemanden gab, der die Fähigkeit dazu hatte zuzuhören. Despina wusste: Nach dem Tod ist es einsam.Sie sagte: »Bereiten wir der Einsamkeit ein Ende«, und legte ihre linke Hand auf die Stirn des Toten und ihre Rechte auf dessen Brust.Der Erstkontakt war stets für beide Seiten verwirrend: Zwei Bewusstseine trafen sich wie in einer Art paramythologischen Wolke, die für die Beteiligten zwar sichtbar war, in Wirklichkeit aber gar nicht existierte. Blitze zuckten am imaginären Himmel, und Donner grollte obendrein. Für Außenstehende war dergleichen nicht hörbar, doch für Despina war der Lärm des Donners ohrenbetäubend. Die Blitze blendeten sie, weswegen sie ihre Augen verschlossen hielt, und die Wolken rochen nach Ozon.Diese intensive Form war tatsächlich und zum Glück nur bei einer Erstbegegnung zu verspüren, was mit Sicherheit auch daran lag, dass der Tote noch nicht allzu lange tot war und sie den Leichnam mit ihren baren Händen berühren konnte. Nahm sie Kontakt zu einem Toten an dessen Grab auf, war der Erstkontakt zwar ebenso intensiv, aber in sich sanfter. Diesmal jedoch kam die Erst-Berührung einer einzigen elektrischen Entladung gleich.Und erst als die Wolken sich langsam lichteten, war Despina so weit, dass sie mit dem Toten sprechen konnte. Die Irritation des Toten war spürbar. Es begann immer mit der Irritation darüber, dass da plötzlich jemand war, der Kontakt aufnahm. Als Toter - das wusste Despina aus anderen Gesprächen - spürte man die Präsenz einer Gegenwart, die sonst nicht da war. Oft folgte der Irritation ein Seufzen der Wehmut, bevor die Konversation begann. Hier jedoch war es anders. Der gewohnten Irritation folgte ein ungewohnt herzliches Lachen.»Du scheinst glücklich zu sein«, sagte Despina daher.»Glücklich - ja«, gluckste die Stimme des Toten in ihrem Kopf.»Bist du froh darüber, das Leben hinter dir gelassen zu haben?« Oder war er sich darüber noch nicht im Klaren?, überlegte sie weiter.»Ich werde wieder auferstehen«,­­­­ lautete die kichernde Antwort.»So? Wie soll das möglich sein? Tote stehen in den seltensten Fällen wieder auf. Das passiert nur im Film. Bei Zombies etwa.«»Nein. Bei mir ist es anders. So wie es schon einmal geschehen ist.«»Wie es schon einmal geschehen ist? Erklär mir das, bitte.«»Du solltest die Legende kennen.«»Welche Legende?«»Die des wiederauferstandenen Christengottes.«»Hältst du dich etwa für Jesus?«»Ich halte mich nicht nur für ihn: Es ist kein geringerer als Jesus Christus, mit dem du sprichst.«Despina öffnete die Augen und besah sich den toten Körper des Mannes, den man gekreuzigt hatte wie sein religiöses Vorbild. »Jesus starb vor gut 2.000 Jahren.«»Und stand wieder auf, bevor er am dritten Tag gen Himmel fuhr. So wird es wieder geschehen.«

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