Entgleist (Roman) (Paperback)

Roman
ISBN/EAN: 9783862826568
Sprache: Deutsch
Umfang: 258 S.
Auflage: 1. Auflage 2019
Einband: Paperback
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Ein Mann, ein Plan, ein Zugausfall Heinrich Knopps penibel geplanter Selbstmord scheint eine sichere Sache zu sein: ein dämmriger Herbstabend auf einer ICE-Trasse und ein Kissen für den Nacken, da kann eigentlich nichts schiefgehen. Doch der Zug kommt nicht. Wegen einer Bombendrohung hat die Bahn ihre Station nie verlassen. Was fängt Heinrich mit einem Leben an, mit dem er bereits abgeschlossen hat? Nichts scheint naheliegender, als sich mit dem vermeintlichen Bombenleger und Lebensretter anzufreunden. Der junge Felix, überforderter Sohn aus reichem Haus und Mitglied einer linken Wohngruppe, wird zu Heinrichs neuem Lebensinhalt. Dabei gerät er auf einen fatalen Weg aus Irrglauben, Gewalt und Radikalität, an dessen Ende er alles verlieren könnte. "Ein verzweifelter Plan geht schief. Katharina Glück erzählt mit trockenem Humor eine erschütternde Geschichte."
Katharina Glück studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Germanistik und Philosophie in Köln. Danach arbeitete sie als Dramaturgin in der Filmproduktion. Inzwischen ist sie freie Texterin und Lektorin in München und veröffentlicht Kurzprosa in Literaturzeitschriften und Anthologien. "Entgleist" ist ihr erster Roman.
KAPITEL EINS An einem sonnigen Mittwochnachmittag, genauer gesagt um 16 Uhr 42, legte Heinrich Knopp sich auf die ICE-Trasse, die durch das Wäldchen hinter seinem Haus verlief, und wartete auf den ICE 74. Er hatte sich ein kleines Sofakissen mitgebracht, um seinen Nacken zu schonen. Immerhin konnte es trotz aller Vorbereitung zu Veränderungen im Fahrplanablauf kommen, und er wollte keinesfalls mit einem steifen Nacken sterben. Er hatte sich eine besonders dunkle Stelle ausgesucht, hohe Eichen zu beiden Seiten der Trasse, ausladende Brombeersträucher. Heinrich war ebenfalls dunkel gekleidet, hatte sich genau hinter die sanfte Kurve gelegt, die die Schienen hier machten. Auch deswegen hatte er den ICE 74 gewählt: Es wurde langsam Abend, die Sonne neigte sich jetzt im frühen Herbst schon dem Horizont entgegen. Die Bäume warfen Schatten, überall Zwielicht. Mit etwas Glück würde der Zugführer ihn gar nicht bemerken und das Rumpeln für einen Ast halten, einen Fuchs vielleicht. Im besten Fall würde er überhaupt nichts mitbekommen. Heinrich Knopp würde genau das besonders passend finden. Es schien ihm ein ehrlicher Abschluss. Er hatte diesen Tag von langer Hand geplant, wie es seine Art war. Er überließ die Dinge ungern dem Zufall. Nach einer taktischen Überprüfung diverser Suizidmethoden hatte er sich für den Zug entschieden. Bei allem, was man gegen die Deutsche Bahn sagen konnte, Heinrich hatte sie immer imponiert. Dieses exakte Uhrwerk von Zügen, Gleisen und Weichen, die in penibler Choreografie Menschenmassen durch das ganze Land transportierten, ohne dass jemand zu Schaden kam - für Heinrich war das eine Meisterleistung. Als Kind hatte er mit seinem Vater ganze Wochenenden im Keller verbracht und kleine Modellzüge durch eine Landschaft aus Plastik und Bauschaum gleiten lassen. Sie hatten sich codierte Signale zugerufen, auf Knöpfe gedrückt, Weichen umgestellt, die Gleisansagen abwechselnd mit tiefer Stimme in die Fäuste gesprochen, sodass sie verzerrt klangen. Runde um Runde hatten die Züge durch Dörfer und Tunnel gedreht, bis Heinrichs Mutter sie irgendwann zu Tisch gerufen hatte. Die Modelleisenbahn gab es noch, sie stand jetzt in Heinrichs Keller. Aber die Züge fuhren nur noch selten. Über Wochen hinweg hatte Heinrich Zugstrecken und Abfahrtszeiten aufgeschrieben und verglichen und sich schließlich für den Mittwoch entschieden, an dem es auf dieser Strecke nur selten zu Verspätungen kam. Dann hatte er sich unter Berücksichtigung der Sonnenuntergangszeit für ein Datum entschieden. Und dann hatte er gewartet. Jeder Tag in dieser Zeit war gewesen wie der vorherige: stummes Frühstück mit Zeitung und dünnem Kaffee, endlose Stunden im Büro, Abendessen vor dem Fernseher, Einkaufen am Samstag, Tatort am Sonntag. Heinrich betrachtete sich von außen, als nähme er selbst schon gar nicht mehr teil an seinem Leben. Der August verstrich, heiße Tage, schwüle Nächte, die Klimaanlage im Büro leistete Schwerstarbeit. Und dann wurde es endlich Herbst. Als der Mittwoch gekommen war, den Heinrich sich ausgesucht hatte, wachte er in der Frühe auf und suchte in sich nach einer Emotion. Er war nicht traurig, nicht besorgt, nicht verzweifelt - er hatte auf die Gefühle gewartet, hatte in den vorangegangenen Wochen in sich hinein gelauscht, aber sie hatten sich nicht eingestellt. Wie an jedem anderen Morgen machte er dünnen Kaffee für sich und Susanne, lauschte dem Kratzen, mit dem sie Butter auf ihrem Toast verteilte, stellte den Fuß auf die kleine Kommode im Flur, um sich die Schuhe leichter binden zu können. Wie jeden Morgen verließ er gegen halb sieben das Haus und stieg in seinen Wagen. Er bog aus der Einfahrt, fuhr bis zur nächsten Kreuzung, doch anstatt dort wie üblich rechts abzubiegen, bog er nach links und manövrierte den Wagen rückwärts in die Mündung eines kleinen Waldwegs. Fünfzehn Minuten später sah er Susannes roten Corsa um die Ecke biegen. Er wartete noch mal fünfzehn Minuten: Es kam vor, dass sie ihr Handy oder Portemonnaie verg