Burn-In. Oder wie Parzer der Glückseligkeit verfiel (gebundenes Buch)

Roman
ISBN/EAN: 9783862824793
Sprache: Deutsch
Umfang: 200 S.
Format (T/L/B): 1.8 x 21.5 x 14.9 cm
Einband: gebundenes Buch
Auch erhältlich als
20,00 €
(inkl. MwSt.)
Lieferbar innerhalb 2 - 3 Tagen
In den Warenkorb
Welch unverschämtes Glück, überhaupt geboren zu sein! Als der Politiker Reinhold Parzer eines Morgens erwacht, steht ihm in nie dagewesener Klarheit vor Augen, wie sehr das eigene Dasein vom Lotto kosmischer Zufälle abhängt: Nicht zu existieren, wäre weitaus wahrscheinlicher gewesen. Fortan erliegt er dem Drang, den Dingen "im Tänzelschritt des Gleichmuts" zu begegnen. Rasch droht seiner Karriere hierdurch das Aus. Seine Gattin und die Parteikollegen reagieren mit wachsendem Entsetzen. Parzers Erkenntnis scheint zur Obsession zu werden, die ins Verhängnis führt. Ein Roman über die Suche nach der Leichtigkeit des Seins, der auf den Prüfstand stellt, zu welcher Art von Glück der Mensch fähig ist. Poetisch, abgründig und philosophisch. Sebastian Knell ist Philosoph und Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm bei Suhrkamp "Die Eroberung der Zeit".
Sebastian Knell, Jahrgang 1966, hat Philosophie, Germanistik und Psychoanalyse studiert und in Frankfurt sein Examen gemacht. Nach anschließender Promotion und Habilitation sowie Lehrtätigkeiten an den Universitäten Frankfurt, Aachen und Basel unterrichtet er heute an der Universität Bonn und war zuletzt Gastprofessor an der Berliner Humboldt-Universität. Er ist Autor philosophischer Sachbücher (zuletzt erschienen: "Die Eroberung der Zeit" bei Suhrkamp) und war wiederholt Interviewgast in Radio- und Fernsehsendungen (u. a. 3sat-Kulturzeit und ZDF-aspekte). Seit seinen Basler Jahren ist er auch als Schriftsteller tätig. Frühere literarische Arbeiten sind teils unter Pseudonym erschienen. "Burn-In" ist sein zweiter Roman.
Leseprobe aus "Burn-In" von Sebastian Knell "Um es gleich ganz freiheraus zu sagen", eröffnete ich die Sitzung, "ich bin nicht der Meinung, dass ich krank bin. Oder anderweitig behandlungsbedürftig." Dr. Sinnvogel reagierte hierauf mit einem freundlichen, leicht seitwärts gewendeten Kopfnicken. "Das mag durchaus so sein", sagte er dann. "Wir werden das gemeinsam in Ruhe prüfen." "Ich bin nur deshalb zu Ihnen gekommen, weil meine Frau mich dazu gedrängt hat." Mein Gesprächspartner erwiderte hierauf nichts. "Ich von mir aus wäre gar nicht auf die Idee gekommen", ergänzte ich. "Das sagten Sie schon am Telefon." "Sie vermutet ein Burnout bei mir. Eine Art Erschöpfungsdepression." "Verstehe. Ein derzeit stark in Mode gekommener Begriff. Allerdings noch keine sehr genaue Diagnose." Dr. Sinnvogel beugte sich über seinen Schreibtisch, um sich eine Notiz zu machen. Er benutzte einen Füllfederhalter, dessen Schaft aus Zierholz bestand und dessen Spitze mit einem ähnlich unschönen Geräusch über das Papier schabte wie die Sonde eines Dentisten über einen kariösen Zahn. Unterdessen blickte ich mich in dem Raum um. Es war ein unprätentiöses Büro, mit funktionalen, hell furnierten Möbeln. Die Fensterfront, durch die das Licht des Hochsommers in den Raum flutete, war mit Gardinen aus Leinen bestückt. Die ansonsten leere Fläche des Schreibtischs zierte eine aufrecht stehende Panflöte. An den Wänden hingen Bilder in metallenen Rahmen, halb abstrakte, halb figürliche Malereien in Acryl. Sie unterschieden sich nur wenig von den Werken anderer Künstler mittelmäßigen Talents. Von jenem Zeugs also, das man heutzutage an jeder dritten Straßenecke in einer Galerie zu sehen bekam. Und dennoch wirkten sie ganz eindeutig so, als seien sie von psychiatrischen Patienten geschaffen worden, von Leuten, die nicht alle Tassen im Schrank hatten. Das Werk zerquälter kleiner Demiurgen, denen jeglicher innere Schwerpunkt und Kompass abhandengekommen war. Dr. Sinnvogel selbst war ein schlanker, hochgewachsener Mann mittleren Alters. Seine stahlblauen Augen standen sympathisch weit auseinander, und das bereits ergraute Haar war zu einem dünnen Flaum geschoren. Er hätte durchaus das Zeug zum Schönling gehabt, wäre da nicht das seltsame Kinnbärtchen gewesen, das beim Sprechen immerzu in Bewegung geriet. Es glich dem schütteren Wimpel am Unterkiefer einer arkadischen Ziege. Atmosphärisch durchaus passend zu der Hirtenflöte auf dem Schreibtisch, aber alles andere als vorteilhaft. Nun denn: Offenkundig war ich nicht der einzige Mensch auf dieser Welt, der sich selbst im Wege stand. "Ihre Frau", wandte sich Sinnvogel mir erneut zu, "hat Sie also gedrängt, einen Psychiater aufzusuchen." "So ist es." "Drängt Ihre Frau Sie öfters dazu, Dinge zu tun, die Sie eigentlich nicht tun möchten?" "Das kommt schon manchmal vor. Aber nicht allzu oft. Und das ist ja auch okay, schließlich führen wir eine Ehe. Das geht nun mal nicht ohne Kompromisse." "Entscheidend ist, wie Sie sich dabei fühlen." Während ich das Statement auf mich wirken ließ, lehnte ich mich in den himmelblauen Behandlungssessel zurück. Eigentlich hatte ich eine regelrechte Couch erwartet, mit bequemer Polsterung und Kopfstütze, doch offenbar war dieses Accessoire bei der Zunft inzwischen aus der Mode gekommen. Ein Sonnenstrahl fiel durch die Fensterfront auf die Armlehne des Sessels und wärmte so auf angenehme Weise meine Hand. "Du musst zu einem Therapeuten gehen, ich flehe dich an!", hatte Julia mich beschworen. "Dein ganzes Verhalten wirkt auf mich total depressiv. Diese fürchterliche Passivität auf einmal!" "Ich fühle mich aber kein bisschen depressiv", hatte ich entgegnet und in einen Apfel gebissen, den ich aus Aebis Garten mitgebracht hatte. "Nicht mal ansatzweise. Und passiv? Also ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie du da drauf kommst. Ich gehe zum Beispiel viel mehr spazieren als früher. Schon mal bemerkt?" "Das sagt rein gar nichts! Es riecht irgendwie alles nach Burnout bei dir. Du hast d